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September 2016: Cora-Lee, damals 10 Jahre alt, ist gerade erst auf die weiterführende Schule gewechselt. Wir hatten an einem Sonntag Arbeitskollegen meines Mannes zum Grillen eingeladen. Da bekam Cora-Lee einen Herzstillstand. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Eine Stunde zuvor hatten wir noch zusammen am Tisch gesessen und gegessen. Bereits seit Wochen hatte Cora-Lee immer mal wieder Bauchschmerzen. Die Vertretungs-Kinderärztin diagnostizierte eine Verstopfung und verschrieb ein Abführmittel. War das die Ursache? Der Auslöser? Wir wissen es bis heute nicht.

Am besagten Sonntagnachmittag ging Cora-Lee mit Anna-Lena, der Tochter des Arbeitskollegen zu den Pferden auf eine nahegelegene Koppel, ca. 200 m von unserem Garten entfernt. Nach einer Dreiviertelstunde kam Anna-Lena plötzlich gerannt und sagte ganz aufgeregt, dass Cora-Lee gefallen wäre und ein Rettungswagen bereits unterwegs sei. Ein Rettungswagen? Wir dachten erst, sie sei vielleicht vom Baum gefallen und hätte sich den Arm gebrochen. Nie im Leben hätten wir daran gedacht, was wir in den kommenden Minuten, Stunden, Tagen, Monaten mitmachen würden. Cora-Lee lag leblos auf der Wiese. Eine Bekannte, die ein Pferd dort stehen hat, war gerade dabei und versuchte Cora-Lee mit einer Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung zu reanimieren. Sie ist bis heute unser Schutzengel. Zum richtigen Zeitpunkt da und wusste dank ihrer Ausbildung, was zu machen war. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis der RTW und schließlich auch der Rettungshubschrauber da war. Diagnose: Kammerflimmern.

Warum ist allerdings trotz weitreichender Diagnostik bis heute ungeklärt. In der Nacht musste sie nach erneutem Kammerflimmern wieder reanimiert werden und lag drei Tage in künstlichem Koma. Für die Ärzte an der  Uniklinik war sofort klar, dass sie die Klinik nicht ohne einen Defibrillator (ICD) verlässt. Ein kleines Gerät, das mittels Schockimpulsen eingreift, wenn das Herz wieder stehenzubleiben droht. Der Eingriff wurde uns erklärt und war für die Ärzte Routine. Cora-Lee steckte diesen Eingriff körperlich problemlos weg. Viel schlimmer war jedoch, dass sie erst wieder laufen lernen musste, da durch den Sauerstoffmangel während der Reanimation das Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt wurde. Heute sagen wir, dass es Gott-sei-Dank nicht andere Teile im Gehirn waren. So musste sich Cora-Lee zwar über Monate mühevoll wieder auf die Beine kämpfen, war vier Monate zur Reha in einer Kinderklinik, und bekommt heute noch einmal wöchentlich Physiotherapie, aber “alles andere funktionierte normal”.

Die verlorene Zeit in der Schule konnte sie nachholen und diesen Sommer ihren Hauptschulabschluss machen. Jetzt geht sie weiter zur Schule und macht ein Praktikum bei der Lebenshilfe. Um den schlimmen Tag im September 2016 zu verarbeiten und mit ihren Defiziten (sie geht “komisch”, kann nicht rennen und hüpfen) und teils auch mit dem Mobbing durch Mitschüler klar zu kommen, ist sie bei einer Psychologin in Behandlung, die ihr hilft ihr Selbstvertrauen zurückzubekommen und Ängste abzubauen. Den Defi selbst merkt Cora-Lee nicht. Blöd findet sie, dass sie keine Achterbahn fahren darf und auch ihrer Patentante durfte sie nicht beim Kochen helfen, weil sie einen Induktionsherd hat. Cora-Lee muss zweimal im Jahr zur Uniklinik zur kardiologischen Untersuchung und Defikontrolle. Dabei wird lediglich ein Gerät von außen auf die Stelle gelegt, wo der Defi sitzt. Der Kardiologe kann dabei genau auslesen, ob der Defi schon mal Aktivitäten gezeigt hat und wie der Akkustand ist. Aktivitäten gab es seither keine und Cora-Lee’s Herz ist soweit gesund. Aber der Akku wird immer schwächer, so dass in den kommenden Jahren die Entscheidung ansteht, ob der Defi ausgetauscht wird. Die Entscheidung kann Cora-Lee dann als Erwachsene alleine treffen. Wie, das weiß sie jetzt noch nicht. Als Eltern hoffen wir natürlich, dass sie ihren Lebensretter behält.

Familie S.

Bildquellen: privat

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