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„Verfasserin: Alice Schamong, Psychologin M.Sc., Herzzentrum Universitätsklinik Köln“

Narben nach Herzoperationen begleiten Patienten ein Leben lang, doch ihre Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität sind bisher noch weitestgehend unerforscht. Nur zwei Forschungsartikel aus den Jahren 2005 und 2006 haben sich bisher damit beschäftigt. Hier wichtige Ergebnisse der Befragung von insgesamt ca. 300 betroffenen Erwachsenen:

  • Fast zwei Drittel fühlten sich als Erwachsene weniger von der Narbe betroffen als noch im Jugendalter.
  • Fast zwei Drittel der Erwachsenen empfand ihren Körper als gezeichnet.
  • Fast die Hälfte der Patienten versuchte sogar die Narben zu verstecken.
  • Mehr als die Hälfte der Patienten gab an, dass ihnen eine Thorakotomie-Narbe* unangenehm ist und ihre Kleidungswahl beeinträchtigt, im Vergleich zu nur einem Drittel bei einer Sternotomie-Narbe**.
  • Jeweils ein Fünftel der Patienten fühlte sich beim Richten der Aufmerksamkeit auf die Narbe positiv bzw. negativ und knapp zwei Drittel neutral.
  • Bei ca. einem Fünftel der Patienten war die Brustnarbe mit einem verminderten Selbstwertgefühl und verringertem Selbstvertrauen verbunden.

Nichtsdestotrotz berichteten die Patienten insgesamt über eher geringe Auswirkungen der Narbe auf ihre Berufswahl, ihren Lebenserfolg, ihre Freundschaften, ihre Beziehungen und die Wahl ihrer Freizeitgestaltung.

  • Fast zwei Drittel berichteten sogar, dass die Narben sich positiv auf die Wertschätzung ihrer Gesundheit auswirkten. Hinzu kommt auch, dass die „heutigen“ Herznarben optisch sicher nicht mit jenen vergleichbar sind, mit denen von Patienten, die Anfang der 2000er Jahre bereits erwachsen waren.

Sabrina, junge Frau mit einem hypoplastischen Linksherzsyndrom, die dem Bundesverband Herzkranke Kinder e.V. bereits mehrfach Einblick in ihre Erfahrungswelt ermöglichte, bestätigt zum Teil die oben genannten Befunde. Darüber hinaus sieht sie ihre Narben heute aber vor allem als Symbol ihrer Stärke und der Kämpfe, die sie überlebt hat. Doch dies war früher nicht immer so: „Wenn ich direkt auf die Narbe angesprochen wurde, hörte ich oft, dass ich minderwertig und alles andere als hübsch sei. Das verletzte mich sehr. Sowohl Kinder als auch Erwachsene können manchmal ziemlich gemein sein und immer da drüber zu stehen ist schwer. Gerade als Mädchen oder Frau, wenn die Anforderungen an den perfekten Körper so groß sind.“

Bildquelle: iStock – KuznetsovDmitry

Ähnlich sind auch meine Erfahrungen als Psychologin auf Station. Ein Patient erzählte allerdings, dass er – im Sommer beim Baden auf die Narbe angesprochen (bei ihm seitlich am Körper, ISTHA*** OP im Kleinkindalter) – mittlerweile zuerst von einem Hai-Angriff berichtet. Die Reaktionen auf die Wahrheit, eine erfolgreiche Herz-OP im Kindesalter, führe bei vielen Zuhörern zu Bestürzung und Scham, gefragt zu haben. Dies verdeutlicht noch einmal, welches Tabu Zeichen einer chronischen Erkrankung auch heute noch in unserer Gesellschaft darstellen – selbst wenn der Betroffene, wie in diesem Fall als mittlerweile gesunder, beruflich erfolgreicher Familienvater, mitten im Leben steht.

Prof. Kerst, Klinikdirektor der Kinderkardiologie RWTH, Uniklinikum Aachen, beschreibt die beiden möglichen Bedeutungen die seiner Meinung nach so einem „Herzzeichen“  im Kindesalter zukommen kann so: Die Patienten sehen die Narben zum einen als Symbole für ihre Erkrankung, sowie erlebte Ängste, ertragene Schmerzen und auch entstandene Traumata, zum anderen als in der Vergangenheit liegende und somit erfolgreich überstandene Erlebnisse, auf die sie zurecht stolz sind, da sie ihre Kraft und Stärke unter Beweis gestellt haben. In diesem Sinne wünscht er seinen Patienten, dass sie die Narben auf eine offene Weise in ihr Leben integrieren können. Sie sollten sie als „normalen Teil ihres Lebens“ ansehen und auch die damit verbundene Unterstützung durch ihre Familie, die Freunde und das Team auf Station positiv in Erinnerung behalten können.

Hilfreich, um über das Thema ins Gespräch zu kommen und Ängste und Belastungen abzubauen, können bei kleineren Kindern die Mut-mach-Pakete mit der Sigikid Puppen „Erwin“ sein. Ihr Rumpf kann mit einem „Reißverschluss“, der sinnbildlich für die Herznarbe steht, geöffnet werden und gewährt dadurch auch im übertragenen Sinne Einblick in ihr „Innerstes“. Älteren Kindern und Jugendlichen hilft ein offenes Gesprächsklima, um sich auch mit belastenden Themen auseinanderzusetzen. Bei größerem Bedarf (Leidensdruck) kann auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Hier sollte aber unbedingt berücksichtigt werden, dass der oft pathologisierte Bewältigungsmechanismus der Verdrängung auch funktional und überlebenssichernd sein kann.

 

Bildquelle: Universitätsklinikum Köln

Fazit: Narben nach Herzoperationen können einen erheblichen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung der Patienten und verschiedene Aspekte des Alltagslebens haben und in diesem Zusammenhang sowohl negativen (Schmerzen, Ängste, traumatische Erinnerungen) als auch positiven (Stolz, Kraft, Stärke, Wertschätzung der eigenen Gesundheit) symbolischen Wert erlangen. In jedem Fall gilt aber das Motto des oben genannten Patienten: „Narben erzählen Geschichten vom Leben“.

* Thorakotomie-Narbe: Brustkorb (Thorax) wird für den Eingriff mit einem Schnitt zwischen den Rippen  chirurgisch geöffnet
** Sternotomie-Narbe: Brustkorb (Thorax) wird für den Eingriff mit einem Längsschnitt über dem Brustbein geöffnet
*** ISTHA: verengte Aorta